Kaderrevolution – Zeiten zweitrangig

Autor: Mirko Seifert

Bevor am Montag (29.5.) die DJM in Berlin beginnen, folgt an dieser Stelle noch eine längere Abhandlung über die veränderten Kaderbedingungen:

Bereits am 10.2.2017 brachte der DSV die „Berufungskriterien DSV-Bundeskader für die Jahre 2017 bis 2021“ heraus. An dieser Stelle wird noch einmal darauf eingegangen, welche entscheidende Änderung es gibt: die Kaderzeiten aus den Jahren zuvor wurden gestrichen. Es zählen nur noch die Platzierungen bei den DJM und den DM. Warum diese Umstellung erfolgte wird vom Verband nicht erklärt. Jetzt aber der Reihe nach:

Geltungszeitraum
Obwohl die Kriterien am 10.2.2017 für die laufende Saison 2016-17 veröffentlicht wurden, gelten diese bereits für die aktuelle Saison. D. h. die kommende DJM im Mai und die DM im Juni sind Gradmesser für alle Sportler, die ab nächster Saison einen Kaderstatus erreichen wollen. Kadernormen sind Vergangenheitsdaten. Ein Sportler, der Kadersportler ist, profitiert von seinen Leistungen in der vergangenen Saison.

Bei der Kaderstruktur wird strikt auf die Einhaltung der Jahrgänge wert gelegt. So können, laut dieser Liste, nur Männer ab Jahrgang 1997 und älter (Frauen: 1998 und älter) in den B-Kader berufen werden. Als Beispiel sei hier Julia Mrozinski (Jahrgang 2000) exemplarisch genannt: sollte sie im Juni 2017 bei den DM über 200m Schmetterling Platz 2 erreichen, so wäre sie nicht geeignet für den B-Kader. Der Grund: sie ist zu jung. Stattdessen könnte sie maximal C-Kader (Junioren) werden.

Die beiden großen Wettkämpfe, auf die es im aktuellen Olympiazyklus (2017-2020) ankommt, sind nur noch die Deutschen Jahrgangsmeisterschaften (DJM) und die Deutschen Meisterschaften (DM), beides auf der Langbahn (50m). Wie auch in der Vergangenheit spielt die Kurzbahn zur Erreichung von Kaderkriterien keine Rolle. Auf der Langbahn sind die Plätze 1 und 2 (im D/C Jahrgang Platz 1 bis 3 bei DJM) entscheidend. Nur diese berechtigen zur eventuellen Nominierung für den Kader. Denn bei aller Euphorie über den erzielten Platz sollten die Kriterien genau gelesen werden: „ … können Athleten berufen werden …“ steht in jedem Absatz. Eine „Kann“- keine „Muss“bestimmung und schon gar nicht eine automatische Qualifizierung für den Kader. Der Hintergrund könnte u. a. sein, dass die Zeiten doch eine Rolle spielen. Gesetz den Fall, die Zeiten für eine Olympische Strecke eines Jahrganges sind sehr langsam, dann könnten die Sportler trotz Platz 1 oder 2 nicht nominiert werden.
Obwohl ab diesem Jahr bei den DJM (29.5. bis 2.6., Berlin) alle Jahrgänge alle Strecken schwimmen dürfen, werden bei der Beurteilung für die Kaderzugehörigkeit nur die Strecken in die Rechnung mit aufgenommen, die eine Olympische Strecke sind.

Tabelle 1: Olympische Strecken Männer und Frauen

Männer 50 F, 100 F, 200 F, 400 F, 1500 F

100 B, 200 B

100 S, 200 S

100 R, 200 R

200 L, 400 L

Frauen 50 F, 100 F, 200 F, 400 F, 800 F

100 B, 200 B

100 S, 200 S

100 R, 200 R

200 L, 400 L

Vorteile für Kadersportler
Viel ist offiziell nicht bekannt, worin die Vorteile und Vorzüge für Kadersportler liegen.
Die bekannten Unterstützungen gliedern sich in monetäre und nicht monetäre Leistungen.
Monetäre Leistungen, also Geldleistungen, sind auch in den D/C Kaderjahrgängen möglich. So werden dort 150,00 Euro Zuschuss (einmalig) gezahlt, abhängig vom Landesverband. Bei A-Kadersportlern ist der Betrag natürlich höher, auch der Geldgeber ist dort ein anderer.
Nicht-Monetäre Leistungen: so bekommt der Sportler in Berlin bei D/C Zugehörigkeit alle 14 Tage ein Physiotermin. Auch die Benutzung von „Wellness-Anlagen“ im Sportforum ist an eine Kaderzugehörigkeit geknüpft.
Die qualifizierten Sportler einer internationalen Veranstaltung, z. B. einer Weltmeisterschaft oder Junioren-EM, müssen für die Reise, Verpflegung und Unterkunft aber nichts bezahlen. Das übernimmt der Verband. Das ist unabhängig der Kaderzugehörigkeit, weil sich auch Nicht-Kadersportler für internationale Wettkämpfe qualifizieren können.
Zuschüsse für Trainingslager werden ebenfalls unterschiedlich gehandhabt. Trainingslager von Trainingsgruppen bekommen, soweit bekannt, keine Zuschüsse vom Verband. Zuschüsse sind dagegen von Eltern gefragt. Gemeinsame Trainingslager von qualifizierten Teams von Sportlern, z. B. für die kommende Junioren-EM in Heidelberg, werden vom DSV übernommen.

Konzentration von Sportlern auf bestimmte Strecken
Wird der Druck für die Sportler jetzt ab- oder zunehmen? Die kommenden Jahrgangsmeisterschaften (29.5. – 2.6.) sind die erste Veranstaltung, die darauf einen Hinweis geben wird.

Kurzbahn-Sprinter werden es zukünftig schwerer haben
Was ist damit gemeint? Da die Nominierung für die Kurzbahn-EM 2017 in Dänemark anhand der Langbahn-Ergebnisse der DM im Juni (15. – 18.6.2017) stattfinden wird, werden es „Kurzbahnsportler“ schwer haben, sich auf ihre „Lieblingsbahnlänge“ zu qualifizieren. Schaut man auf die Deutschen Kurzbahnmeisterschaften (DKM) der letzten Jahre so gab es immer wieder Namen, die es zur Kurzbahn-EM/WM schafften, auf der Langbahn aber nicht überzeugen konnten. Umgedreht war es aber auch, dass Sportler die 25m-Bahn-Saison nicht mochten und bei den DKM gar nicht starteten. Es wird sich zeigen, ob ein Verzicht von Sportlern auf die 25m Bahn Wettkämpfe, obwohl sie laut DM nominiert sind, möglich und hilfreich ist.

Die Top-Listen verdrängen die Pflichtzeiten
Die letzten Pflichtzeiten für die DJM gab es 2009 (Hamburg). In 2010 (Berlin) wurde auf die Top 30 umgestellt. Seitdem wird mit den Bestenlisten operiert.

Jahrgangswertungen und gemeinsame Wertungen
Eine weiterer Punkt bei der Beurteilung der Plätze 1 und 2 sind die Wertungssysteme. Für die C-Kader (Junioren) und JEM/JWM Bereich gelten unterschiedliche Kriterien:

Tabelle 2: C-Kader unter DJM-Bedingungen

Kader DJM Kriterium Jahrgänge
C (Junioren) Platz 1 oder 2 in der

gemeinsamen Wertung

Männer: 1998/1999

Frauen: 1999/2000

C (JEM/JWM) Platz 1 oder 2 in

Jahrgangswertung

Männer: 2000/2001

Frauen: 2001/2002

Das bedeutet, dass Platz 1 oder 2 in der C-(Junioren) Wertung bei den DJM schwerer zu erreichen ist als in der C (JEM/JWM) Wertung.

Kadernormen aus den letzten Jahren
Wie schnell waren die Kadernormen in den letzten Jahren? Die folgende Tabelle gibt darüber Auskunft. Betrachtet wurden die Jahre 2011 bis 2016.

Tabelle 3: Kadernormen Frauen, Strecke 100m Freistil

Jahr D/C (14 J.) 14 J 15 J 16 J. 17 J. Offene Klasse
2011 – 2013 59,44 58,07 57,24 16/17 J.: 55,59 55,05
2013 – 2017 59,17 57,80 56,98 56,16 55,61 54,79
2015/16 59,45 58,08 57,25 56,43 55,88 55,05

Die Tabelle 4 stellt die aktuellen Zeiten über die 100m Freistil der Frauen dieser Jahrgänge ins Verhältnis mit den Kadernormen 2015/16. Es ist ersichtlich, dass D/C (14 Jahre) und 15 Jahre schneller sind.

Tabelle 4: Vergleich der Kadernorm 2015/16 mit Platz 1 der Bestenliste für die DJM 2017, 100m Freistil, Frauen (Stand 15.5.2017)

Jahr D/C (14 J.) 14 J 15 J 16 J. 17 J. Offene Klasse
Kadernorm 2015/16
59,45 58,08 57,25 56,43 55,88 55,05
Bestenliste 15.5.2017
58,91 58,91 56,17 57,57 57,45 Nicht in Bestenliste

 Privilegierung von Staffelsportlern
Auch die neuen Kaderrichtlinien lassen es zu, dass Staffelteilnehmer, auch die im Vorlauf eingesetzt werden, zu einem A-Kader gehören können, wenn sie Platz 1 bis 8 bei einer WM/Olympia erreicht hat. Nicht umsonst sind die Strecken gefragt, die einen Startplatz bei den internationalen Meisterschaften möglich machen, hier voran die 200m Freistil der Männer, gefolgt von 4x100m Freistil. Bei den Lagenstaffeln werden meist die Deutschen Meister nominiert.

Tabelle 5: Ergebnisse von Rio 2016 von deutschen Sportlern, deren beste Platzierung mit der Staffel erreicht wurde und die noch 2016/17 aktiv sind

Name Staffel Platz Kader 2016-17
Christian vom Lehn 4×100 L 7, schwamm im Vorlauf A
Christoph Fildebrandt 4×200 F 6 A
Clemens Rapp 4×200 F 6 A
Damian Wierling 4×100 L 7 A
Florian Vogel 4×200 F 6 A
Jacob Heidtmann 4×200 F 6, schwamm im Vorlauf A
Jan-Philipp Glania 4×100 L 7 A

Abschließend eine Tabelle mit den Kaderstrukturen ab der nächsten Saison 2017/18.

Tabelle 6: Kaderstrukturen Beckenschwimmen ab Saison 2017-18

Kaderstatus Qualifikation Jahrgang Bemerkung
A Platz 1 – 8 bei WM, Einzel/Staffel für alle – wie in der Vergangenheit
B – Platz 1 oder 2 bei den DM im Juni 2017

– erfolgreiche WM

Männer: 1997 und älter

Frauen: 1998 und älter

– neu seit 1.9.2016; ersetzt Kaderzeiten

– DJM spiel keine Rolle

C (Junioren) – Platz 1 oder 2 bei den DJM im Mai 2017, gemeinsame Wertung

– erfolgreiche JEM oder JWM

Männer: 1998/1999

Frauen: 1999/2000

– neu seit 1.9.2016; ersetzt Kaderzeiten

– auch Übergangskader genannt

C (JEM/JWM Bereich) – Platz 1 oder 2 bei den DJM im Mai 2017, Jahrgangswertung

– erfolgreiche JEM oder JWM

Männer: 2000/2001

Frauen: 2001/2002

– neu seit 1.9.2016; ersetzt Kaderzeiten

 

D/C – Platz 1, 2 oder 3 bei den DJM im Mai 2017

– Nominierung für JEM, JWM, EYOF

Männer: 2002/2003

Frauen: 2003/2004

– neu seit 1.9.2016; ersetzt Kaderzeiten

 

D 4 Nachweise erforderlich:

1.) mind. 10 Rudolphpunkte

2.) Landesvielseitigungstest

3.) Trainingsdatendokumentation

4.) Absolvierung NADA Online

Männer: 2004 – 2007

Frauen: 2005 – 2007

S mussten A, B oder C-Kader gewesen sein – „Sonder“ oder Krankheitskader

– gab es schon in den letzten Jahren

DSV – mussten A, B oder C-Kader gewesen sein

– positive Einschätzung für die nächste Saison

– gab es schon in den letzten Jahren

Qualifikationszeiten
Nach wie vor aber gelten besondere Umstände für die internationalen Wettkämpfe wie
– WM in Budapest;
– Junioren-EM in Israel;
– Junioren-WM in den USA;
– Kurzbahn-EM in Dänemark;
Für die EYOF gibt es keine Qualifikationszeiten.

Hier zählen, zumindest in diesem Jahr, Qualifikationszeiten. Diese werden in Kombination mit der Platzierung bei den Qualifikationswettkämpfen herangezogen, um Sportler auf die internationalen Wettkämpfe zu schicken.

Fazit: Es ist schwer, sich durch die Bedingungen durchzuarbeiten und zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen.

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter DJM, DM, News, Statistik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.