Anna Dietterle Interview

Autor: Mirko Seifert

Auch wenn die 128. DM in Berlin schon zwei Monate zurückliegen, so gibt es doch immer noch die Nachwehen über die 4×100 m Freistil-Staffel der Damen. Bei Dienstleistungen nennt man es Nachkaufsdissonanzen. Diese negativen Rückkopplungen möchte niemand, weder im Sport noch beim Kauf einer Ware.
Was war geschehen? Am Ende der Deutschen Meisterschaften im Mai, auf der zweiten Pressekonferenz, sagte der Chefbundestrainer sinngemäß, dass unsere Mädels aussehen wie dünne Models und nicht wie Sportlerinnen. Zu diesem Zeitpunkt wurde ebenfalls bekannt, dass es keine 4×100 m Freistil-Staffel der Frauen bei Olympia 2016 geben wird.
Ich sprach mit Anna Dietterle über drei Themen. Zum einen über die 4×100 m Freistil-Staffel, die Models und zum anderen über die Norddeutschen Meisterschaften in Braunschweig.

Anna Dietterle während den NDM 2016 in Braunschweig.

Anna Dietterle während den NDM 2016 in Braunschweig.

Was frustriert dich am meisten?
In mir persönlich wurde nicht der Eindruck erweckt, dass meine guten Leistungen bei den Deutschen Meisterschaften wirklich Wert geschätzt wurden. Ich habe viel Kritik einstecken müssen, die – wie ich finde – nicht immer gerechtfertigt war. Zudem war es leider nicht möglich, dieser Debatte aus dem Weg zu gehen und sich auf seine letzten Starts zu fokussieren.
Mittlerweile habe ich allerdings mit diesem Thema abgeschlossen und aus der Frustration, die ich dort erlebt habe auch viel Motivation gezogen, um noch einmal hart zu trainieren und den Startplatz für Rio evtl. über die 4x100m Lagen Staffel zu erreichen.

Fühlst du dich als Model?
Nein, ich fühle mich wirklich nicht als Modell und meiner Meinung nach vernachlässigt diese Aussage (ob sie nun so gesagt wurde oder nicht) sehr viel. Ich bin momentan 19 Jahre alt, die meisten Weltklasse Sprinterinnen im Schwimmen sind wesentlich älter. Mir fehlen diese Jahre der Akzelerierung, was aber in ein paar Jahren Training ganz anders aussehen kann.

Konntest du zum Thema Staffel 4×100 m schon einmal mit dem Chef Bundestrainer sprechen?
Leider habe ich es bisher nicht geschafft, persönlich mit Henning zu sprechen, wir hatten uns lediglich per Mail kürz über den Sachverhalt verständigt.
Dies und ein Gespräch von Helen Scholtissek führten letztendlich dazu, dass wie beide doch noch auf die Longlist gesetzt wurden und diejenige, welche die schnellste Zeit im Qualifikationszeitraum aufweisen kann, sich für die 4x100m Lagen Staffel nominiert.
In diesem Zusammenhang wollte ich auch nochmal erwähnen, dass ich es sehr schade fand, dass diese Debatte so medial ausgeartet ist, ohne dass wir wirklich alle miteinander geredet haben. Wobei dies keinesfalls eine Schuldzuweisung an irgendjemand sein soll, sondern eher ein allgemeiner Punkt an alle ist, den es in der Zukunft zu verbessern gilt.

Dünn oder dick, durchtrainiert, mit Muskeln bepackt oder abgemagert, wie definierst du den Leistungssportler?
Ich denke im Schwimmen ist es wichtig einen wirklich athletischen Körper, das bedeutet für mich einen geringen  Fettanteil und sichtbar eine gewisse Körperspannung, zu haben. Wie muskelbepackt dieser Körper letzten Endes aussieht, ist denke ich eine ehr individuelle und auch streckenspezifische Sache, denn den einen behindert ein zu großes Muskelpaket, während es den anderen fliegen lässt.

Wie motivierst du dich nach den Staffel absagen für Rio? Das Training musste ja weiter gehen …
Momentan motiviere ich mich mit der Möglichkeit der Nominierung über die Lagenstaffel. Falls dies jedoch nicht klappen sollte, würde es mich schon extrem frustrieren, trotz neuen Bestleistungen keinen Höhepunkt gesehen zu haben. Ich glaube meine stärkste Motivation wäre es nächstes Jahr noch besser zu sein, um zu zeigen, dass ich diese Teilnahme an einem internationalen Event verdient habe.

Ist es in deinen Augen ungerecht, wenn eine 4×200 m Freistil-Staffel mit Sportlerinnen nominiert wird, die im Einzelrennen auch keine Qualizeiten schwammen?
Hm, ich denke es ist fair, diese Sportler zu fördern, da sie es als deutsche Spitze über diese Strecke durchaus wert sind gefördert zu werden. Außerdem handelt es sich meist um junge Sportler, die einen riesigen Motivationsschub bekommen und erste Erfahrungen sammeln können. Ich denke, dass dies der richtige Weg ist und würde mir das eben einfach auch für andere Strecken wünschen, auch wenn wir damit nicht gleich eine Medaille holen können.

Es war aber auch schon zu der EM 2014 in Berlin der Fall, dass es wenige Staffeln gab! So wurde auch keine 4x100m Freistil der Frauen aufgestellt. Wünschst du dir mehr Staffeln für Deutschland?
Ja, ich wünsche mir, dass wir unsere Möglichkeiten ausschöpfen. Bei einer Heim-EM verstehe ich nicht, weshalb nicht alle Startplätze ausgeschöpft werden! Im Zweifelsfall eben mit Junioren, wie bei der diesjährigen EM. Diese können dabei sicher vieles von den Großen lernen und nebenbei einen Vergleich ziehen, wo sie in der Welt stehen und was vielleicht verbessert werden muss, nebenbei liefert diese Ehre einen Motivationsschub.

Mit deiner aktuellen Einzelzeit über 100m Freistil (55,06 Sek. Stand: Juni 2016) bist du etwas entfernt von der Weltspitze (52,38 Sek., Stand Juni 2016), belegst nach FINA Angaben Platz 85 (Stand: Juni 2016). Über was hast du dich bei den DM 2016 über diese Strecke gefreut – über Platz 2 oder die Gewissheit, dass du es nach eine verkorksten Saison es noch nach Rio schaffen könntest?
Zunächst habe ich mich riesig über diese Zeit gefreut! Nach fast 4 Jahren, war das endlich mal wieder eine Bestzeit. Nachdem ich dieses biologisch bedingte Leistungstief durchschreiten musste, fühlte sich das wie eine Befreiung an. Diese Hoffnung, dass wir dieses Jahr vielleicht endlich auch mal eine Staffel stellen dürfen war überwältigend, genauso groß aber die Enttäuschung, ich denke die habe ich auch am nächsten Tag bei den 50 m Freistil mit durchs Wasser tragen müssen.

Die Berichterstattung nach den DM in BILD und BZ wurde sicherlich nicht durch die beteiligten Schwimmerinnen angestoßen. Wie war deine Reaktion auf diese Artikel?
Als ich das erste Mal von Reportern damit konfrontiert wurde, dass wir schonwieder zu Hause bleiben und Kritik einstecken müssen, war ich so frustriert, dass ich einige kurze Statements abgab. Im Nachhinein habe ich die Anfragen von Zeitungen und Fernsehen jedoch zurückgewiesen, da ich der Meinung bin, dass mich eine öffentliche Schlacht meinen Träumen auch nicht näher gebracht.

Wirst du dir die Schwimmwettbewerbe von Rio anschauen? [natürlich nur, wenn du dich nicht qualifizieren solltest]
Ich denke, wenn ich mich nicht qualifiziere werde ich keinen einzigen Tag der Spiele verfolgen, weil es einfach nur frustrierend ist zu sehen, wie viele Sportler auch in meinem Alter oder mit meinen Zeiten mitschwimmen dürfen, während ich zu Hause bleiben musste. Es würde mir wie eine Bestrafung vorkommen und auch Zweifel an meiner eigenen Leistung wecken, die bei einer Bestzeit und B- Kadernorm, denke ich, ungerechtfertigt wären.

Norddeutsche Meisterschaften
Anfang Juni 2016 fand in Braunschweig die NDM statt. Ich musste schon genau hinschauen um zu realisieren, wie du dort geschwommen bist, zumindest was einige Strecken angeht. Bis auf vielleicht die 50 m Freistilzeit waren alle anderen Zeiten indiskutabel. Woran lag es?
Wir haben nach der Zusage für die Chance sich doch noch zu nominieren das Trainingspensum angehoben und in den Wassereinheiten 5-7 km absolviert, während wir an Land 3x die Woche 1,5 h hartes Crossfit, bei dem auch über Paktattests die Belastung kontrolliert wurde, hatten. Ich denke ich war wirklich körperlich vollkommen erschöpft und konnte zu diesem Zeitpunkt einfach meinen Körper nicht mehr überwinden. Dies konnte man auch im Verlauf der Zeiten sehen, die mit jeder geschwommenen Strecke ein wenig schlechter wurden.

Du trainierst also wieder hart. Die Chance als schnellste Freistilschwimmerin für die Qualifikation für die 4×100 m Lagen-Staffel könnte ein Ziel für dich sein?
Ich sehe diese Chance als eins meiner größten, wenn nicht sogar als größtes Ziel an! Was passiert, wenn ich es nicht schaffe, weiß ich ehrlich gesagt nicht genau. Momentan fokussiere ich mich voll auf mein Training, um meine Bestleistung noch einmal zu steigern. Um dies zu erreichen trainiere ich härter als je zuvor, denn 0,3 Sek. sind sowohl enorm viel als auch verdammt wenig.

Was kommt dann in der nächsten Saison? Gibt es schon, woran du denkst?
Ich möchte dem Schwimmsport zunächst treu bleiben, da ich der Meinung bin, dass ich mich noch steigern kann. Wie oben schon angedeutet möchte ich den Sprung schaffen, auch in Einzelstrecken internationale Wettkämpfe bestreiten zu können und durch weiteres Training bis an die Grenze meines Potenzials vordringen. Auch wenn letztes hoffentlich noch nicht direkt in der nächsten Saison geschieht.

Auf dem weiteren Weg dir viel Erfolg und Durchhaltevermögen!

Bilder und Erfolge von Anna
http://mirkoseifert.de/sportler/id/4732/Anna-Stephanie-Dietterle

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