Interview Edith Lingmann

Edith bei den DJM 2013 in Berlin.

Edith bei den DJM 2013 in Berlin.

Autor: Mirko Seifert

Nachdem wir schon einen Blick über Deutschland hinaus geworfen haben – in die USA und nach Australien – geht es heute nach Kuwait.
Edith schwimmt und lebt dort seit einigen Jahren, war aber auch bei den DJM in Berlin am Start. Wie trainiert und lebt es sich in dem 3 Mio. Einwohner zählenden Land, speziell auch als Frau? Ich fragte nach:

Wo und mit wem trainierst du zur Zeit?
Ich trainiere zur Zeit mit den Torpedoes, die professionellste Gruppe, im Elite Swim Team Kuwait. Wir sind etwa 18 Schwimmerinnen und Schwimmer und wie eine Familie. Wir sind sehr international, kommen z.B. aus Ungarn, Griechenland, England, Deutschland, Kuwait, Ägypten, Saudi Arabien. Syrien, Indien. Zur Zeit trainieren wir in einer Schule in einem 25m Outdoor Pool.

Deine letzten Wettkampfergebnisse in Deutschland sind von den DJM 2013. Hattest du keine „Sehnsucht“ mehr nach Deutschland?
Am Anfang schon. Ich habe zu Deutschland keine wirklichen Kontakte mehr. Von daher ist die Sehnsucht inzwischen nicht mehr so. Irgendwann möchte ich aber schon wieder zurück.

Hast du noch Kontakte zu deinen damaligen Vereinsleuten in Deutschland?
Nicht wirklich. Nach etwa einem Jahr im Ausland hatte das, trotz der sozialen Netzwerke, schon extrem nachgelassen.

Wie ist die sportliche Situation in Kuwait seit der Suspendierung durch das IOC im Oktober 2015?
Ich habe davon gehört, aber nicht wirklich viel mitbekommen. Ich glaube, darüber möchte man hier auch nicht wirklich offiziell sprechen.

Als Frau hast du es sicherlich nicht leicht in Kuwait: Schwimmen in einem arabischen Land?
Ja das ist wahr. Wir sind das einzige Team in Kuwait, in dem Jungen und Mädchen in allen Altersklassen zusammen in einem Pool schwimmen können. Es ist schwer für den Verein, geeignete Trainingsstätten zu finden. Jugendliche Jungen und Mädchen in einem Pool sind nicht gern gesehen und wird auch nicht unterstützt. Das bekommen wir immer wieder zu spüren. Selbst reine Mädchen- bzw. Frauen-Gruppen bekommen kaum einen Pool zur Verfügung gestellt und wenn, dann oft auch nur für 3 bis 4 Stunden die Woche. Für Männer ist das alles kein Problem. Aber die Trainer und wir Schwimmer machen das Beste daraus.

Du schwimmst beim Elite Swim Team Kuwait. Was und wen kann man sich darunter vorstellen?
Das Elite Swim Team Kuwait (auch ESTK genannt) wurde 2005 von einem „Schwimmer Vater“ gegründet. Es ist ein privater Schwimmverein und der einzige in Kuwait, der Jungs und Mädchen aller Altersklassen zusammen schwimmen lässt. Das Team ist unterteilt in mehrere Gruppen, wie in Deutschland, von „Learn to swim“ (für Kinder und Erwachsene) bis hin zu den professionellen „Torpedoes“. Ebenso gibt es Schwimmen für Masters. Soviel ich weiß, ist auch Babyschwimmen geplant. Unser Schwimmteam gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Teams in der Golfregion.

Bezahlst du beim Elite Swim Team Kuwait auch einen Mitgliedsbeitrag, so wie in Deutschland? Oder wie ist die Finanzstruktur dort geregelt?
Ja, das ist genauso wie in Deutschland. Die Beiträge richten sich nach den Gruppen in denen man trainiert. Wir „Torpedeos“ zahlen im Moment 160 Kuwaitische Dinar (rund 480 €) pro Quartal.
Finanzielle Unterstützung gibt es nicht. Wir müssen alles selbst bezahlen. Dazu gehören auch Wettkämpfe, die immer mit einem Flug verbunden sind, plus Visa, Hotel, Transport zum Pool und Flughafen, Verpflegung und Startgeld.

Wie sind Preise für Trainingslager und Schwimmequipment (z. B. Anzüge, Paddles)?
Da die Sportgeschäfte nicht wirklich viel Auswahl an Schwimmzubehör haben, kaufen wir die meisten Sachen über den Verein. Das ist aber ziemlich teuer, da diese in Amerika bestellt und nach Kuwait geschickt werden. Hier ein paar Beispiele:
Flossen kosten ca. 45 €, Schnorchel ca. 60 €, Paddles ca. 20 €. Zum Glück habe ich noch meine komplette Ausstattung aus Deutschland. Auch Badeanzüge sind hier schwer und selten zu bekommen und entsprechen eher dem Arabischen Modestil. Ich kaufe meine Sachen meist in Deutschland.
Trainingslager machen wir nicht. Das Problem ist immer die Organisation eines Pools und die sehr unterschiedlichen Ferienzeiten der verschiedenen Schulen.

Du bist bei Wettkämpfen in Dubai, Muscat, Doha und in Kuwait gestartet. Kann man die Organisation und den Ablauf mit deutschen Wettkämpfen vergleichen?
Die Organisation ist teilweise schwierig und etwas chaotisch, weil nicht immer qualifizierte Leute das Event planen. Oft treten technische Probleme auf und die leider sehr typische Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit in dieser Region stellen immer wieder ein Problem dar. Beim letzten großen internationalen Wettkampf gab es zum Beispiel nicht genug Kampfrichter. Es wurden dann, kurz vor Wettkampfbeginn, Eltern gebeten auszuhelfen.
Im Großen und Ganzen laufen die Wettkämpfe aber ähnlich ab wie in Deutschland.

Wie ist der Stellenwert vom Schwimmen in Kuwait? Was ist die beliebteste Sportart?
Nachdem Faye Sultan als erste kuwaitische Frau bei den Olympischen Sommer Spielen 2012 geschwommen ist, war das Schwimmen kurzzeitig sehr populär. Das hat sich aber leider wieder geändert. Jetzt versucht mein Head Coach das Schwimmen wieder bekannter zu machen, indem er Artikel nach Wettkämpfen in die regionale Zeitung setzt. So präsentiert und wirbt er für das Team und den Verein. Die Nachfrage an Schwimmkursen ist inzwischen sehr groß, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, da viele von ihnen noch immer nicht schwimmen können.
Als Wassersport ist Wasserball in Kuwait sehr beliebt. Sonst hat Cricket einen sehr hohen Stellenwert, was aber sicherlich mit dem großen Anteil an Indern in Kuwait zu tun hat.
Ich glaube Kuwait selbst ist nicht wirklich an Sport interessiert. Es gibt auch nicht wirklich viele öffentliche Sportveranstaltungen.

Im kommenden Sommer wechselst du das Land und wirst in den USA trainieren. Wo trainierst du und wie kam es dazu?
Ich werde mit einem Schwimmstipendium an die University of South Carolina gehen. Ich wollte unbedingt versuchen, ein Stipendium zu bekommen, war aber nicht sicher, ob meine Zeiten gut genug waren. Also haben meine Eltern und ich ein bisschen im Internet nachgeforscht und sind auf einige Universitäten gestoßen, welche Stipendien vergeben. Vor den Sommerferien habe ich dann etwa 20 allgemeine Anfragen weggeschickt und auch einige positive Rückmeldungen bekommen. Durch Zufall hat meine Mutter auch noch einen ehemaligen Schwimm-Freund auf Facebook gefunden, der in Amerika studiert. Ich habe ihn sofort kontaktiert und er erzählte mir, dass er auch mit einem Schwimmstipendum dort ist. Er hat mir auch gleich die Kontaktinformationen der Trainer geschickt, mich mit Informationen versorgt und unterstützt mich nach wie vor wo er nur kann. Die Trainer waren sofort begeistert von meinen Leistungen und Noten und haben mir recht schnell ein Stipendium angeboten. Das macht mich sehr stolz und zeigt mir, dass es sich immer lohnt für etwas zu kämpfen, das man erreichen will.
Obwohl ich ein bisschen Angst habe, alleine und so weit weg zu gehen, freue ich mich schon auf diese neue Herausforderung.

Vielen Dank für das Interview und auch für die Zukunft alles Gute!

Link: Bilder

In Kürze folgt noch ein Trainingsplan vom Elite Swim Team Kuwait.

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