Lisann Poley – Auslandsjahr in Australien

Autor: Mirko Seifert

Lisann Poley bei den DJM 2015 in Berlin.

Lisann Poley bei den DJM 2015 in Berlin.

Lisann Poley trainiert in Australien, wo sie auch zur Schule geht. Bereits im November 2015 schickte sie mir ihren Trainingsplan; im „Teil 2“ über Australien führte ich mit ihr ein Interview über ihr Leben an der Gold Coast.

Wo und wann hast du das Schwimmen erlernt?
Das Schwimmen habe ich im September 2003 in Cottbus erlernt.

Dann ging es wie weiter?
Nachdem mein Bruder 2004 Michael Phelps bei den Olympischen Spielen gesehen hatte, fingen wir beide an im PSV Cottbus 90 e.V. zu trainieren. Zuerst trainierten wir in den Anfängergruppen bei Gerda Elze und Carmen Thiel und im September 2005 kamen wir dann in die Trainingsgruppe von Marlies und Uwe Sachse, wo wir bis zum Ende der dritten Klasse 2008 blieben. Zu Beginn der vierten Klasse wechselten wir beide an die Sportbetonte Grundschule Cottbus, wo wir bis zum Ende der sechsten Klasse (2011) bei Petra Petrov trainierten. Danach ging es dann an die Sportschule Potsdam zu Herrn Luckau und später auch zu Herrn Warnatzsch.

Wie bist du nach Australien gekommen?
Ursprünglich wollte ich ein Auslandsjahr in den Vereinigten Staaten machen, da ich dort später gern studieren möchte. Da ich aber keine öffentlichen Schulen finden konnte, die mir das Schwimmen im Schulteam oder einem nahe gelegenen Verein ermöglichen konnten, und die Privatschulen mit 40.000 US-$ – 70.000 US-$ einfach zu teuer waren, habe ich mich dann auch über Austauschprogramme in England und Ozeanien erkundigt. Die Miami State High School war eine der wenigen Schulen, die einen eigenen Trainingspool hatten und nach einigen Recherchen bin ich dann auf den Miami Swimming Club gestoßen. In diesem trainieren unter anderem auch Grant Hackett, Thomas Fraser-Holmes und Lauren Boyle. Mir war es sehr wichtig, dass ich auch während meines Auslandjahres weiterhin trainieren kann. Deswegen war der Miami Swimming Club und die Miami State High School für mich die ideale Wahl und zudem um einiges günstiger als die amerikanischen Privatschulen. Damit hatte ich für mich die idealen Bedingungen gefunden und zudem noch die Chance gewonnen, ein für mich vollkommen neues Land zu entdecken.

Wo und wie oft trainierst du?
Ich trainiere momentan 8 Mal pro Woche im Miami Swimming Club. Dienstag, Donnerstag und Samstag finden auch Morgeneinheiten von 05:30 Uhr bis 07:30 Uhr statt, sonst trainieren wir immer nachmittags von 16:00 Uhr bis 18:30/19:00 Uhr. Auch wenn ich weniger Trainingseinheiten habe, als vorher in Deutschland, die Anzahl der Wochenkilometer ist immer ähnlich hoch, da die Einheiten um einiges länger sind.

Was sind die Hauptunterschiede zwischen Deutschland und Australien, beim Training und beim Wettkampf?
Das Schwimmen ist hier prinzipiell Luxus, denn die Trainingskosten sind mit rund 135 € pro Monat ziemlich hoch und dazu kommen noch die Preise für die Utensilien, die sich auf insgesamt 150 € belaufen. Außerdem gibt es nur sehr wenige Sportschulen, die aber allesamt Privatschulen und damit sehr kostenaufwändig sind. Das Schwimmen ist deswegen eine Freizeitbeschäftigung und keine Entschuldigung für nicht gemachte Hausaufgaben, unordentliche/unvollständige Schuluniformen oder zu spätes Kommen. Jeder entscheidet für sich selbst wie viel er trainiert, d.h. wenn man mehr Zeit für Schulprojekte braucht, kann man sich diese Zeit nehmen, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen. Für die Wettkampfergebnisse muss man dann allerdings auch allein die Verantwortung tragen. Im Training schwimmen wir pro Einheit einiges mehr als zuvor in Deutschland; Trainingseinheiten unter 6 km sind Raritäten. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, sich genug Zeit zum Trainieren zu organisieren. Außerdem schwimmen wir uns mindestens 3km/ca.45 Minuten bis eine Stunde ein, bevor das „Main Set“ ansteht. Die Sets waren anfangs für mich etwas ungewöhnlich, da wir in Potsdam nie Sets wie 20 x 150m F geschwommen sind. Es erschien mir irgendwie komisch, solche Teilstreckenlängen zu benutzen, aber mit der Zeit habe ich mich auch daran gewöhnt. Besonders viel Wert wird darauf gelegt, dass alle im Team einander unterstützen. Das Teamgefühl und der Zusammenhalt ist viel stärker als ich es in Deutschland kannte. Wenn beispielsweise ein Set beendet wurde, und ein Trainingskamerad wirklich gute Leistungen gezeigt hat, dann gratulieren ihm/ihr bzw. loben ihn/sie die anderen Schwimmer, denn die Verbesserung des Einzelnen ist nicht nur sein Gewinn, sondern ein Gewinn für das gesamte Team. Das spielt vor allem bei den Wettkämpfen eine große Rolle. Jeder im Team trägt das Vereinsshirt und egal wer momentan im Wasser ist, jeder wird vom Team angefeuert. Alles ist etwas lockerer als in Deutschland, vor allem bei der Organisation. Es gibt zwar ein Vorstartzelt, in das man sich ca. 15-30 Minuten vor dem Start einchecken muss, aber es kann durchaus vorkommen, dass unmittelbar vor dem Start noch ein paar Läufe zusammengelegt werden, wenn sich genug Leute abgemeldet haben. Man muss also wirklich genau aufpassen, was nun wie geändert wurde, denn die Namen werden überhaupt nicht aufgerufen. Was mich allerdings am meisten überrascht hat war, dass die Zeiten per Hand genommen wurden, obwohl es ein relativ großer Wettkampf mit Finals und internationalen Topathleten wie Grant Hackett, Adam Peaty und Lauren Boyle war.

Gibt es aus anderen Ländern auch Schwimmerinnen, die wie du eine Saison in Australien verbringen?
Ja, in meinem Verein trainiert beispielsweise die Neuseeländerin Lauren Boyle und es kommen auch hin und wieder „Gastsportler“ aus China oder Japan dazu. Momentan trainiert auch der Brite Adam Peaty hier an der Gold Coast. Bei anderen Sportarten kenne ich mich nicht so genau aus, aber es kommen viele Sportler aus aller Welt hier an die Gold Coast, um von den guten Bedingungen und der entspannten Lebensweise zu profitieren.

Wie kommst du mit der Sprache zurecht?
Am Anfang war ich, wie wahrscheinlich alle Austauschschüler, wirklich schüchtern, da mich die neue Umgebung und die sehr vielen neuen Menschen einfach überwältigt haben. Mein Englisch war schon ziemlich gut, zumindest dachte ich das, aber jetzt nach fast sieben Monaten muss ich zurückblickend sagen, dass ich nicht so gut war, wie ich dachte. Ich habe mich sowohl durch meine Unterrichtsfächer, als auch durch das Training und die Unternehmungen mit meinen australischen Freunden wirklich sehr verbessert. Mittlerweile ich kann fließend sprechen und auch wirklich alles problemlos verstehen.

Wie nehmen die Mitmenschen, sei es in der Schule oder im Training, Rücksicht auf dich?
In der Schule hatte ich am Anfang jedes Terms die Wahl, ob ich einfachere Aufgaben lösen und weniger anspruchsvolle Arbeiten verfassen möchte. Die meisten „Internationals“ wollen lieber die entspannten Fächer wie Kochen & Backen, Gärtnerei oder Surfen wählen. Nur selten hat sich einer in die „richtigen Fächer“ wie Biologie, Chemie, Jura usw. „verirrt“. Ich habe mich aber bewusst für diese Fächer und die Bewertung nach australischen Maßstäben entschieden, weil ich hier so viel wie möglich mitmachen und lernen möchte. Natürlich ist es um einiges zeitaufwändiger und anstrengender, aber so habe ich nicht nur die Informationen aus dem Unterricht mitbekommen, sondern auch gelernt meine Zeit besser zu organisieren, kontinuierlich zu arbeiten und mich auf Examen auch wirklich vorzubereiten, was ich in Deutschland um ehrlich zu sein nie gemacht habe.

Was das Schwimmen angeht, so ist es im Prinzip fast genauso wie in der Schule. Ich bin ein ganz normales Teammitglied und man erwartet von mir das gleiche wie von allen anderen auch: Motivation, Anstrengungsbereitschaft und Teamgeist. Wenn ich allerdings eine Aufgabe nicht verstehe, dann erklären mir die anderen gerne, was wir machen und mir ist auch nie jemand böse, wenn ich es im ersten Versuch nicht schaffe, solange ich mir Mühe gebe, besser zu werden.

Was ist dir in Australien, zu Beginn deiner Zeit in diesem Land, schwer und leicht gefallen?
Am Anfang habe ich mich andauernd verlaufen, sowohl auf dem Schulgelände, als auch auf dem Weg zum Training oder wenn ich anderweitig unterwegs war. Im Unterricht kam ich gut zurecht, obwohl ich natürlich gerade am Anfang des Öfteren nachfragen oder Vokabeln nachschlagen musste, aber das ist ja ganz normal. Generell hatte ich am Anfang noch Hemmungen mich mit Australiern zu unterhalten, weil ich einfach immer den Gedanken im Hinterkopf hatte, dass mein Englisch nicht gut genug sei und ich wollte natürlich keine Fehler machen. Allgemein würde ich sagen, dass ich die meisten Probleme damit hatte, auch einmal Fehler zu machen, da mir das in Deutschland in der Schule einfach um einiges seltener passierte und mir meine Leistungen demzufolge einfach nicht gut genug waren.
Dagegen ist mir das Kontakte knüpfen relativ leicht gefallen, da ich als Einzige von den „Internationals“ die OP-Fächer (Fächer, die für Universitätskurse benötigt werden) gewählt hatte und dementsprechend einfach mit Australiern reden „musste“. Im Nachhinein war das eine meiner besten Entscheidungen, da ich so viel mehr australische Freunde gefunden habe, als alle anderen Austauschschüler und auch meine „Angst“ vor dem Sprechen, und vor allem vor dem Fehler machen, verloren habe.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass Australien nach einem „Hänger“ bei den Olympischen Spielen 2012 nun wieder in der Weltspitze mitschwimmt?
So wirklich kann ich mir diesen „Hänger“ nicht erklären. Bis jetzt habe ich eine außergewöhnliche Trainingsmotivation und -moral vor allem bei den älteren Athleten, unter anderem die Topathleten wie Thomas Fraser-Holmes, Grant Hackett, Dan Smith, usw., beobachten können. Das ist dann wahrscheinlich das, was in der Vorbereitung der Olympischen Spiele 2012 gefehlt hat. Ich weiß leider nicht, wie die Bedingungen und die Betreuung der Athleten vor London 2012 war, aber so wie momentan gearbeitet wird glaube ich, dass die australisch Schwimmer bei den diesjährigen Olympischen Spielen durchaus gute Chancen auf Medaillen und Weltrekorde haben.

Wie ist der Stellenwert vom Schwimmen in Australien? Was ist noch populärer?
Das Schwimmen ist hier sehr beliebt, wie eigentlich alle Wassersportarten. Vor allem bei den Schülern sind Schwimmen, Surfen, Bodyboarding und Surf/Lifesaving außerordentlich populäre Freizeitbeschäftigungen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass man diesen Hobbys das ganze Jahr über nachgehen kann. Allgemein würde ich allerdings sagen, dass gerade Australian Football, Rugby und Cricket mindestens genauso beliebt sind wie das Schwimmen.

Welche Ziele hast du für dieses Jahr?
Dieses Jahr möchte ich für mich viele neue Erfahrungen sammeln und diese bestmöglich umsetzen. Sportlich gesehen gebe ich hier weiterhin mein Bestes und ich bin zuversichtlich, dass es sich auszahlen wird. Schulisch gesehen will ich natürlich an meine bisherigen Leistungen anknüpfen und mich auch für jüngere Schüler an meiner Schule, die es in Erwägung ziehen auch ein Auslandsjahr zu machen, engagieren. Alles in allem will ich dieses Jahr in jeder Hinsicht bestmöglichst nutzen, sowohl in Australien als auch daheim in Deutschland.

Dein Bruder Martin ist auch auf „Auslandsvisite“. Wo ist er?
Martin verbringt sein Auslandsjahr in den USA, in Greenup, Kentucky um genau zu sein. Er ist allerdings erst im September 2015 dort angekommen und wird dort bis Juni 2016 bleiben. Wir haben regelmäßig Kontakt und ihm gefällt es dort sehr, auch wenn es schon ungewohnt ist, einander als Zwillinge so lange nicht zu sehen. Martin trainiert auch in einem örtlichen Schwimmteam und fährt auch oft zu verschiedenen kleineren und größeren Wettkämpfen und hat schon viel von den Vereinigten Staaten sehen können.

Wie geht es nach Australien weiter?
So ganz genau weiß ich das noch nicht, aber ich werde auf jeden Fall zurück nach Potsdam an die Sportschule gehen und dort dann mein Abitur machen. Je nachdem wie gut meine sportlichen Leistungen dann sind, werde ich mich entweder voll und ganz auf mein Abitur und mein Studium konzentrieren und nur noch als Hobby schwimmen. Falls aber meine Leistungen gut genug sind, will ich weiterhin in Potsdam trainieren wie vor meinem Auslandsjahr. So ganz genau kann ich das aber jetzt noch nicht sagen.

Was vermisst du aus deiner Heimat?
Am allermeisten vermisse ich ganz klar meine Freunde und Familie. Ich genieße meine Zeit hier zwar in vollen Zügen und natürlich habe ich mich auch etwas in Australien verliebt, aber ab und zu wünscht man sich dann doch, wieder zu Hause bei seinen Liebsten zu sein. Aber auch das Vermissen ist ja ein Teil dieser Erfahrung.
Neben meiner Familie fehlt mir aber ganz klar das deutsche Essen und die deutsche Organisation sehr. Und nicht zu vergessen die deutsche Pünktlichkeit! Zu Verabredungen kommt man hier prinzipiell eine halbe Stunde zu spät, was anfangs wirklich unglaublich nervig war. Mittlerweile habe ich mich aber leider so sehr an den australischen „Way of life“ gewöhnt, dass ich in dieser Hinsicht auch nachgelassen habe.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg in Australien!

Links:
Bilder und Erfolge
Trainingsplan November 2015

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